Risikoentscheidungen – Das Spiel mit der Gefahr

Wie begegnen wir kulturell einer ungewissen Zukunft? Auf welcher Grundlage werden Entscheidungen gefällt, wenn der Verlauf der Ereignisse nicht sicher vorherbestimmt werden kann? Dieser erste Artikel der “Risiko”-Reihe widmet sich der Risiko-Entscheidung als einem Grundmodus unserer Sicht auf die Welt.

Entscheiden unter Unsicherheit

Nicht nur in Bezug auf Corona fallen die Begriffe Risiko und Ungewissheit in der letzten Zeit häufiger. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen durch Digitalisierung und Globalisierung sind immens.

Um die veränderten Bedingungen in der Welt seit dem Ende des Kalten Krieges zu beschreiben, entstand im amerikanischen Militär das Akronym VUCA. Das steht für:

  • Volatility: Zunehmende Geschwindigkeit, Umfang und Dynamik von Veränderungen
  • Uncertainty: Geringere Vorhersagbarkeit von Ereignissen, Veränderungen scheinbar aus dem Nichts
  • Complexity: Vielfalt von Entscheidungsparametern und Handlungsmöglichkeiten (teilweise paradox)
  • Ambiguity: Mehrdeutigkeit von Informationen, erweiterter Interpretationsspielraum

Im Kontext strategischer Führung verwendet, ist mittlerweile auch in Managementkreisen die Rede von der „VUCA-Welt“. Unter diesen Umständen verlässliche Entscheidungen zu treffen, ist gar nicht so einfach.

Unsicherheit und mangelnde Entscheidungsgrundlage fühlen sich bedrohlich an. Umso mehr, da wir uns in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt hatten, dass die Welt uns tendenziell immer besser beherrschbar erschien. Die industrielle Moderne war ausgesprochen erfolgreich darin, Unsicherheiten per wissenschaftlichem Fortschritt zu beseitigen. Bestehende Ungewissheit wird dabei als Defizit betrachtet und in der öffentlichen Debatte häufig heruntergespielt.

Das kann auf drei Arten geschehen:

  • Zeitlich: „Die Ungewissheit besteht noch“
  • Sachlich: Als Rest oder in unbedeutenden Bereichen; „Sie besteht nur noch wenig“ oder „Sie besteht nur da“
  • Sozial: Individuell und selbst verschuldet, statt strukturell bedingt; „Sie besteht nur bei dieser Person“ und „Sie besteht aufgrund unvernünftiger Entscheidungen“ (Böhle 2017: 5)

Sobald Menschen sich mit dem Erwägen von verschiedenen Möglichkeiten in der Zukunft beschäftigen (das können wir seit der kognitiven Revolution vor etwa 70.000 Jahren), müssen sie feststellen, dass keine absolut sicheren Entscheidungen getroffen werden. Es stellt sich die Frage, wie mit dieser fundamentalen Unsicherheit umgegangen werden soll. Religionen lösen das, in dem sie eine göttliche Allmacht einführen. Der Mensch hat sein Schicksal somit nur bedingt in der Hand und muss sich um die letzte Gewissheit keine Gedanken zu machen. Die Umstände und Ereignisse sind gottgegeben und dessen Wege sind bekanntlich untergründlich. Auf dem Weg zur Aufklärung gerät diese Annahme ins Wanken.

Abwägen von Risiken im Abenteurerkapitalismus

Schifffahrt
Der Begriff Risiko wird von seefahrenden Kaufleuten in den italienischen Stadtstaaten ab dem 12. Jahrhundert benutzt. Das altitalienische Wort risco für „Klippe“ wurde verwendet, um das Umsegeln einer gefährlichen Untiefe zu beschreiben.

Der Handel per Schiff war in der Frühphase des Kapitalismus eine äußerst unsichere Angelegenheit und hatte genau genommen den Charakter einer Expedition. Machtstreben und das Spekulieren auf außergewöhnlich hohe Gewinne motivierten wohlhabende Kaufleute in derartige Unternehmungen zu investieren. Denn trotz sorgfältiger Planung konnten die Händler nicht verhindern, dass Schiffe in einem Sturm sanken, von Piraten gekapert wurden, die Waren unterwegs verdarben oder man sich schlichtweg verirrte. Der Soziologe Max Weber spricht deshalb von Abenteurerkapitalismus.

An einem prominenten Beispiel wird das deutlich:

Fernando Magellan war am 10. August 1519 mit fünf Schiffen von Sevilla in westlicher Richtung nach Asien aufgebrochen. Sein Ziel waren die sogenannten Gewürzinseln, die heutigen Molukken. Er segelte die afrikanische Küste entlang und dann über den Atlantik nach Südamerika. Dort war er auf der Suche nach einer Passage durch den Subkontinent. Beim Durchqueren der „Magellanstraße“ gingen zwei Schiffe der Flotte verloren. Immer wieder kam es zu Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung, mit denen die Seeleute Geschenke austauschten und versuchten sie zu missionieren. Der Häuptling der philippinischen Insel Mactan lehnte die Missionierung seines Stammes ab. Es kam zu heftigen Kämpfen, bei denen Magellan am 27. April 1521 getötet wurde.

Die Besatzung war danach so stark dezimiert, dass sie nicht mehr im Stande war, drei Schiffe zu steuern und eines zurücklassen mussten. Die beiden verbliebenen Schiffe erreichten schließlich ohne ihren Admiral die Molukkeninsel Tidore und konnten vom Sultan die ersehnten Gewürze kaufen. Auf dem Rückweg wurde die „Trinidad“ von den Portugiesen abgefangen.

Mit 18 der ursprünglich 234 Männern Besatzung erreichte die „Victoria“ als letztes verbliebenes Schiff am 8. September 1522 den Hafen von Sevilla. Finanziert worden war die Expedition von der spanischen Krone, dem Reeder Cristobal de Haro und den Augsburger Fuggern.

Was sich nach einem wirtschaftlichen Desaster anhört, war tatsächlich ein höchst lukrativer Ausgang der Dinge. Die Ladung des einen Schiffes, 26 Tonnen exotischer Gewürze, war so wertvoll, dass sie trotz des Verlustes von vier Schiffen einen Gewinn von mehreren hundert Prozent einstrichen (Beckert 2007: 295f.).

Im frühen Kapitalismus wägen seefahrende Händler große Gefahren und Verluste gegen hohe Gewinne ab. Diese ersten Unternehmer im modernen Sinne treffen Risikoentscheidungen.

Was unterscheidet das Risiko von der Gefahr?

Häufig meinen wir mit Risiko auch eine Art von Gefahr, sprechen zum Beispiel von „Risiken und Nebenwirkungen“. Das stimmt insofern, als dass ein negativer Ausgang, ein Schaden oder Verlust möglich ist.

Es gibt aber einen wichtigen Unterschied zur Gefahr: Ein Risiko wird von einem Akteur bewusst eingegangen: Es wird eine Entscheidung gefällt, über deren Ergebnis noch keine Gewissheit besteht. Eine riskante Entscheidung zu treffen, bedeutet: „Chancen realisieren, ohne von den Verlustmöglichkeiten gelähmt zu werden“ (Plumpe 2002: 23f.).

Das bringt eine Ermächtigung des Subjekts mit sich: Nicht mehr göttliche Fügung lenkt nun die Geschicke der Menschen, sondern „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“. Wer entscheidet, übernimmt persönlich Verantwortung für das Ergebnis. Indem ein Risiko nach rationalen Kriterien und dem Abwägen von Wahrscheinlichkeiten beurteilt wird, lässt sich ein potentielles Scheitern auf mangelhafte Kalkulation zurückführen.

Es gibt allerdings noch ein Problem mit der Unterscheidung von Risiko und Gefahr: Was für den einen Akteur ein akzeptables Risiko darstellt, begegnet dem anderen unmittelbar als Gefahr. Während der Kaufmann an seinem Schreibtisch das Risiko eines Schiffbruchs kalkuliert, erlebt die Besatzung seines Schiffs diesen Fall als lebensbedrohliche Gefahr (Bonß 1995: 56f.).

Eigenverantwortung und Rationalität sind die charakteristischen Merkmale, unter denen Entscheidungen in Hinblick auf eine ungewisse Zukunft getroffen werden.

Wie Menschen eine Situation erleben

Ob Menschen eine unsichere Lage mit einer Entscheidung oder Handlung beeinflussen können, verändert die Bewertung der Situation gravierend.

Einer Gefahr, wie einer Naturkatastrophe oder einem Terroranschlag, ist man mehr oder weniger machtlos ausgeliefert. Sie wird als Bedrohung von außen erlebt. Bei einer Risikoentscheidung hat der Akteur das Gefühl, die Situation beeinflussen und kontrollieren zu können.

So entsteht beispielsweise den Eindruck, Fliegen sei gefährlicher als Autofahren, obwohl statistisch das Gegenteil der Fall ist. Oder: „Nur für Raucher ist Krebs ein Risiko, für andere ist er nach wie vor eine Gefahr“ (Luhmann 1990: 148f.).

Als das ABS im Auto eingeführt wurde, belohnten KfZ-Versicherungen dessen Nutzung zunächst mit Prämien. Man nahm an, die Unfallhäufigkeit nehme ab. Doch überraschenderweise führte das bessere Bremssystem erstens zu mehr Auffahrunfällen durch die Autos ohne ABS und zweitens fuhren die ABS-geschützten Fahrer riskanter. Die Unfallhäufigkeit war letztlich höher als zuvor, bis das ABS zum Standard wurde (Bonß 2010: 37).

Der Risikomodus ist der spezifische Umgang der aufgeklärten und kapitalistischen Moderne mit einer ungewissen Zukunft. Indem Gefahren als Risiken konstruiert werden, werden sie für Individuen handhabbar.

Die Covid-19-Pandemie konstruieren wir als ein regulierbares Ereignis: Man ist ihr nicht machtlos ausgeliefert, sondern kann und muss sie kontrollieren. Staatliche Organe sind verstärkt in der Verantwortung, wissenschaftliche Expertenmeinungen sind handlungsleitend für politische Entscheidungen und für den öffentlichen Diskurs. Die Art, wie wir die Situation handhaben, lässt sie uns als Risiko erleben, nicht als Gefahr.

In der „Risiko-Reihe“ werden zu den beiden Charakteristika Verantwortung und Rationalität jeweils drei Artikel folgen, die genauer darauf eingehen, was sich aus diesem Modus der Unsicherheitsbewältigung ergibt.

Literatur
  • Beckert, Jens (2007): Die Abenteuer der Kalkulation. Zur sozialen Einbettung ökonomischer Rationalität. In: Leviathan 35(3), 295-309, online: https://www.mpifg.de/pu/mpifg_ja/Levi_3-07_Beckert.pdf (letzter Zugriff 04.01.21).
  • Bonß, Wolfgang (1995): Vom Risiko. Unsicherheiten und Ungewissheit in der Moderne. Hamburg: Hamburger Edition.
  • Bonß, Wolfgang (2010): (Un-)Sicherheit als Problem der Moderne. In: Münkler, Herfried/ Bohlender, Matthias/ Meurer, Sabine (Hrsg.): Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge. Bielefeld: transcript Verlag, 33-64.
  • Böhle, Fritz (2017): Subjektivierendes Handeln – Anstöße und Grundlagen. In: Ders. (Hrsg.): Arbeit als Subjektivierendes Handeln. Handlungsfähigkeit bei Unwägbarkeiten und Ungewissheit, Wiesbaden: Springer VS.
  • Luhmann, Niklas (1990): Risiko und Gefahr. In: Ders.: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven. Opladen: Westdeutscher Verlag, 131-169.
  • Plumpe, Werner (2002): Rationalität und Risiko: Zum historischen Charakter der modernen Wirtschaft. In: Honneth, Axel (Hrsg.): Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, 13-34.
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